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Mehr Wert für Alle
Barrierefreiheit - über die Technik hinaus
Ablauf

1. Vorstellungsrunde

Sie haben für die Teilnahme bezahlt - Sie wollen und sollen auch etwas davon haben. Bei einem Workshop soll nicht nur einer etwas vortragen, was der eine oder andere von Ihnen vielleicht gar nicht hören will, sondern es bietet sich hier die Gelegenheit, gemeinsam ein Stück weiter zu kommen.

Ich stelle dazu meine Erfahrungen als Projektbegleiter, aber auch als Praktiker bis herunter zur Code-Ebene zur Verfügung, und ich bitte Sie, auch Ihre Erfahrungen einzubringen, und das in zweierlei Hinsicht. Einmal in der anschließenden Vorstellungsrunde durch die Bennennung von Themen oder Fragen, die Sie gerne hier behandelt sehen wollen. Wir werden dann versuchen, das zu berücksichtigen. Und dann natürlich auch da, wo es sich anbietet, durch die Mitteilung eigener Erfahrungen zu einzelnen Punkten.

2. Zur Erkundung der Lage

In einem Wort: Die Lage ist widersprüchlich. Das gilt sowohl für den aktuellen Stand, als auch für die Zielsetzungen, mit denen wir an die weitere Entwicklung herangehen.

a) Die aktuelle Situation:

Mehr Kompetenz - weniger Interesse?

Einerseits gibt es bei den Praktikern weitaus mehr Knowhow und Kompetenz und im Bereich der Tools auch eine deutlich höhere Qualität als vor vielleicht 5 Jahren, als Accessibility in Deutschland erstmals in größerem Maßstab zum Thema wurde. Insbesondere im öffentlichen Bereich, - von oben bei der Bundesregierung beginnend, und dann nach den unteren Ebenen hin abnehmend - sieht man vielen Seiten an, daß Barrierefreiheit bei der Entwicklung ein Thema war. Ob dieses Thema dann auch bewältigt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Darauf wird später noch ausführlicher einzugehen sein

Andererseits habe ich den Eindruck, daß die Luft ein wenig raus ist aus dem Thema - vielleicht kann der in diesem Jahr neu zu startende BIENE-Wettbewerb da wieder etwas Bewegung reinbringen. Es erscheint fast so, als ob der Teil der Agenturen und Entwickler, die überhaupt auf Fragen der Zugänglichkeit oder im weiteren Sinne von Webstandards und Qualitätssicherung ansprechbar war, jetzt auch angesprochen worden ist - während der größere Teil der Entwickler und selbst einige sehr große Hersteller ungerührt bei dem bleiben, was sie vor 15 Jahren gelernt haben. Irritierend daß jetzt der SharepointServer von Microsoft jetzt auch immer öfter ins öffentliche Netz gestellt werden soll - das wäre dann nach dem Domino-Server von IBM der zweite dicke Brummer, der für alles mögliche optimiert ist - nur nicht für zugänglichen Output.

Problem 1: Wenig WCAG-freundliche Backends

Domino kann man, wie Straelen gezeigt hat, mit einigem Einsatz auf zugänglich trimmen, meistens sieht es jedoch ziemlich wirr aus. Wahrscheinlich geht mehr Zugänglichkeit auch bei Sharepoint, aber wir wissen ja aus der Praxis, daß der dafür erforderliche Aufwand in der Praxis meistens gescheut wird. Wenn man überhaupt daran denkt. Hier ein ziemlich heftiges Standard-Sharepoint, hier ein eher gemäßigtes.

Problem 2: Wenig WCAG-freundliche Frontends

Auch im Bereich der Unternehmenswebsites glaube ich einen backlash feststellen zu können. Die Deutsche Bank oder die Postbank scheinen mir schon einmal weiter gewesen zu sein. Von der Autoindustrie will ich gar nicht viel reden ob Opel, VW, Ford oder Mercedes - Zugänglichkeit ist nicht. Das ist insofern unglücklich, als diese populären Seiten die Erwartung vieler Öffentlichkeitsverantwortlicher in Kleinunternehmen und auch manches Amtsleiters prägen: So will ich auch aussehen.

Erfreulich ist, daß inzwischen fast alle Informationsportale, deren Zugänglichkeit für Behinderte besonders wichtig erscheint, in standardnahmen CSS-Design ausgeführt sind und von daher zumindest technisch für Screenreader betretbar sein sollten. Ob die User dann auch damit klarkommen, steht auf einem anderen Blatt: "Page has three frames, seventy-five headings and three hundred sixty-nine links" hört sich ziemlich abschreckend an. Außerdem scheinen die Adserver Barrieren zu errichten.

Schlechte Beispiele machen Schule

Was mich wirklich erschreckt, ist daß die schlechten Beispiele jetzt auch wieder auf Behörden ausstrahlen und die mühsam errungenen besseren Sitten im Verwaltungsbereich verderben. Trotz der z.B. in NRW völlig klaren Gesetzeslage habe ich jetzt wieder mehrfach von Verwaltungsleitern gehört, die ihre sehr persönlichen Vorstellungen ohne jede Rücksicht auf Accessibility durchdrücken - "Accessibility - das berührt uns hier nicht". Ich kann Ihnen eine ganze Barrieren-Kollektion nur anhand von Seiten der Landesbehörden zeigen - falls wir Zeit dazu finden. Noch schlimmer ist die Situation im Kommunalbereich. Großstädte wie München, Essen oder Köln bieten im Screenreader nach wie vor kein schönes Bild - wenn überhaupt. Am verhängnisvollsten scheint mir aber zu sein, daß im Kommunalbereich sich einige große Anbieter breit gemacht haben, die absolut keine Rücksicht auf die Erfordernisse der Zugänglichkeit nehmen - und die haben die Kommunen jetzt auf Jahre hinaus mit unzugänglichen Systemen an die Kette gelegt. Das gilt besonders für die mittelgroßen und kleinen Kommunen. Auch hier kann ich Beispiele zeigen.

Hier müssen wir als Entwickler und Berater uns teilweise selbst an der Nase fassen - Anwesende selbstverständlich ausgenommen. Aber auch da, wo wir gut gearbeitet haben, macht sich zwei sehr ärgerliche Erscheinungen breit, die beide geeignet sind, einen schon erreichten guten Stand an Zugänglichkeit wieder zu beeinträchtigen oder sogar ganz zunichte zu machen.

Die Hauptprobleme liegen im Contentbereich

Die beiden Erscheinungen heißen: Unstrukturierter Content und krankhafte PDF-Itis. In beiden Fällen mag der Seitenrahmen, den der Dienstleister im Contentmanagenment vorggegeben hat, relativ barriere-arm sein - das hilft den Anwendern von Hilfsmittel aber überhaupt nicht, weil der eigentliche Inhalt völlig unstrukturiert oder als unzugängliches PDF ins Netz gestellt worden ist. Für einzelne kurze Texte mag eine Strukturierung nicht unbedingt erforderlich sein, aber wenn dann auch noch die Absätze mit erzeugt und die eine gnädig gespendete Zwischenüberschrift mit hervorgehoben wird, ist schon eine Schreibmaschinenseite zu lang. Das gleiche gilt für PDF - wenn diese wenigstens als Text und nicht als nur als konvertierte Grafik geboten werden. Und wo das ganze Informationsangebot aus solchen strukturlosen Schnipseln besteht, wird es auch insgesamt für Benutzer von Screenreadern unbrauchbar. Und genau diese Tendenz glaube ich feststellen zu können: In vielen Behörden wird enorm viel ins Netz gestellt, viel mehr, als mit einer herkömmlichen Navigation sinnvoll erschlossen werden kann, und als Besucher wühlt man sich quasi mit vielen Fehlversuchen durch den Stapel. Für Sehende ist das schon eine Zumutung, aber für hörende Anwender ist das ein weitgehendes Zugangshindernis. Und das Ärgerliche an der Sache: Wir als Entwickler können daran überhaupt nichts machen - den Inhalt verantwortet der Betreiber.

Die neue Aufgabe: Informationsarchitektur

Und damit komme ich zum letzten Punkt dieser Abschnittes, der ebenfalls wie die vorhergehenden nur angetippt werden kann, um später etwas ausführlicher behandelt zu werden. Das Stichwort ist "Informationsarchitektur". Verwaltungswebseiten sollen heute eine Vielfalt unterschiedlicher Funktionen erfüllen und Unmengen von Material zugänglich machen - aber für die Darbietung der Information haben wir in den meisten Fällen immer noch nichts besseres zur Verfügung als das gute alte 7 mal 7 - Schema: Sieben Menupunkte mit je Sieben Unterbereichen. Und das wirft nun mal schon beim Aufbohren auf eine dritte Ebene ganz erhebliche Orientierungsprobleme auf. Für sehende Besucher bedeutet das eine Einbuße bei der Usability, für Blinde sehr oft eine unüberwindbare Barriere.

Gebärdenvideos oder "veständliche/einfache Sprache" das ist wohl eher etwas für die jeweiligen Spezialisten. Für Informationsarchitektur sind wir die Spezialisten, hier haben wir schon viele Erfahrungen, manchmal auch ein überraschend zielgenau arbeitendes Bauchgefühl, und hier sind wir am Besten in der Lage, auf verhandenen Kompetenzen aufzubauen.

Zu Zielsetzung und Weiterentwicklungen

Der Aufgabenbereich der Web-Accessibility gat sich in den vergangenen Jahren enorm ausgeweitet. Während wir am Anfang damit zufrieden waren, grobe Barrieren aus dem Weg zu räumen, Alttexte einzufordern und Fremdsprachliche Wendungen zu markieren, haben wir uns - nicht zuletzt unter dem Einfluß der Diskussionen um die immer noch nicht fertige WCAG2 - immer mehr vorgenommen - oder auch auf's Auge drücken lassen. Nur zwei Stichworte: "Leichte Sprache" und "Gebärdenvideos". Und manchmal konnte man glauben, das wären die neuen Zentralaufgaben der Web-Accessibility.

Aufruf zu mehr Bescheidenheit

Hier ist inzwischen eine gewisse Ernüchterung und Bescheidenheit eingetreten, und das ist gut so. Wir alle wissen, daß barrierefrei in der Praxis bestenfalls barrierearm heißen kann: Es gibt immer wieder Anwender, deren besondere Anforderungen wir nicht voraussehen können oder für die wir schlicht und einfach auch nichts tun können. Wo das Steuerrecht so kompliziert ist, daß selbst Professoren dieses Faches nicht sicher sind, ihre Steuererklärung fehlerfrei ausfüllen zu können, stoßen wir auch mit barrierefreien Formularen an Grenzen, die wir als Web-Dienstleister auf gar keine Weise überwinden können. Soweit wir es noch nicht getan haben wird es höchste Zeit von dem Hochmut Abschied zu nehmen, wir könnten alle Widrigkeiten und Einschränkungen aller Behinderten kompensieren - wir können es nicht.

Wo wir viel tun können

Konkret heißt das unter anderem: Auch vor dem Internet sind nicht alle Behinderten gleich. Die Mobilitätsbehinderten - auf gut Deutsch: Die Feld-Wald-Und-Wiesen-Rollifahrer - sind für die Arbeit mit dem Computer überhaupt nicht behindert. Gut für sie, gut für uns. Für Leute mit Defiziten in der Feinmotorik können wir ein bißchen was tun, indem wir nicht zu filigran arbeiten. Das führt immer wieder zu Diskussionen mit Grafikern, aber da müssen wir durch. Das gleiche gilt für Menschen mit schlechten Augen: Wir müssen Kontradte und Schriftgrößen im Blick behalten und gegebenenfalls auch verstellbar gestalten.

Auch für Leute, die Ihre Hände nicht benutzen können oder die gar keine haben, können wir eine ganze Menge tun: Wer auch nur ein Signal geben kann, kann damit auch einen Computer bedienen, und natürlich auch unsere Websites, wenn wir keine groben Fehler machen.

Blinde beim Übergang ins audiovisuelle Zeitalter

Und ab jetzt wird es schwierig. Vor 5, 6 Jahren sagte man, daß das Internet als textbasiertes Medium für Blinde voll zugänglich sei. In einem gewissen Umfang stimmt das auch heute noch. Aber schon damals sprach man vom Iconic turn, also dem Übergang von der Gutenberg-Galaxie zur Bild-Kultur. Heute befinden wir uns im Übergang zu einem Abschnitt der Bild-Kultur, in dem bewegte Bilder eine immer größere Rolle bei der Informationsvermittlung spielen, und darüber, wie man Youtube barrierfrei macht, möchte ich wirklich nicht nachdenken müssen. Es reicht schon, sich die Frage zu stellen, wie man audiovisuelles Lehrmaterial, in dem Animationen eine imer größere Rolle spielen, so gestalten kann, daß Menschen ohne Sehrvermögen nicht vom Zugang zur Bildung ausgeschlossen werden. Die Rede vom textlichen Äquivalent als gleichwertige Alternative zu grafischen Elementen war schon unaufrichtig, als wir nur Klötzchengrafik hatten. Sie ist im Zusammenhang mit Multimedia praktisch sinnlos. Es geht nicht mehr um Äquivalente, sondern nur noch darum das Schlimmste zu verhindern: Daß Menschen, die nichts sehen können, vom Zugang zu grundlegenden Informationen und Verfahren ausgeschlossen werden.

Und um eines ganz klar zu machen: Wir werden das Problem nicht dadurch in den Griff bekommen, daß wir fordern, aus Rücksicht auf die, die nicht sehen können, sollten auch die Sehenden auf die echten oder vermeintlichen Vorteile der Kultur des bewegten Bildes verzichten.

Wo wir weniger tun können:

Noch schwieriger ist die Frage, was für Gehörlose zu tun ist. Genauso verfehlt, wie ein unbekümmertes "Aber die können doch lesen" ist die oft erhobene Gegenposition, möglichst viel Inhalte in Gebärdenvideos oder Symbolsystemen zu transportieren. Gehörlose, auch wenn sie vielfach nicht optimal beschult worden sind, können lesen - aber oft nicht besonders gut, es kostet dann Mühe, und das Verständnis bleibt zurück. Das heißt: Wo man Gehörlose direkt ansprechen will, ist es freundlich, einige wesentliche Inhalte per GS zu transportieren - aber mindestens ebenso viel Gewicht muß man darauf legen, möglichst viele Texte in einer Sprache zu präsentieren, die auch von Menschen verstanden werden kann, die aus welchem Grund auch immer nicht besonders gut lesen können. Davon gibt es nämlich sehr viele, und gerade in Verwaltungsdingen kommt man sich sehr oft durch Fachsprache und Amtsjargon behindert vor. Die Aufgabe, hier etwas zu tun, ist dringend - aber sie betrifft uns als Webdienstleister bestenfalls am Rande. Etwa dann, wenn wir überlegen, Statt "sitemap" oder "refresh" doch lieber ein deutsches Wort zu verwenden, denn Fachjargon können wir auch ganz gut. Aber unser Anteil an den Wörtern auf einer Website ist eher bescheiden - hier müssen die Herren des Contents ihre Verantwortung wahrnehmen.

Vergleichbares gilt für die Berücksichtigung der Menschen mit Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten usw. Due grundlegende Übersichtlichkeit muß von uns garantiert werden - alles andere ist Sache des Contents. Auch der Contentowner kann hier alleine wenig tun, er wird sich an Spezialisten wenden müssen wie das Projekt "Bürgerfreundliche Verwaltungssprache" an der Uni Bochum.

Neue Kerngruppe: Ältere Menschen

Eine große und zunehmend wichiger werdende Gruppe von Menschen, die objektiv "behindert" sind, auch wenn sie sich vielleicht gar nicht so vorkommen, sind Ältere. Ab 40 lassen Sehschärfe, Auge-Hand-Koordination, Feinmotorik, Schnelligkeit der Auffassung, Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf Neues einzustellen, usw. bei vielen Menschen nach, ab 60 ist das Nachlassen bei fast allen unübersehbar. Während man vor einigen Jahren noch sagen konnte, daß alte Leute ohnehin keine Computer-People sind, wird das in Zukunft so nicht mehr gelten: Wer als Mittdreißiger vor 20 Jahren im Beruf den PC und vor 12 Jahren das enstehende Netz kennengelernt hat, geht jetzt auf die 60 zu und will in 10 Jahren auch als Rentner noch im Web surfen.

Für die Älteren muß man nichts besonderes tun - wenn man die anderen genanten Hauptgruppen beachtet, werden sie automatisch mitbedient. Aber anders als diese Hauptgruppen, die nur wenige Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen die Älteren demnächst 30% oder mehr. Dafür spricht man von ihnen bisher sehr wenig.

* * * * * Pause * * * * *

3. Beispiele dafür, was man alles tun kann

Schleichwerbungseffekte sind nicht beabsichtigt - das geht alles natürlich auch in der PC-Welt. Solche Videos eignen sich u.U. auch zur Vorführung bei Kunden - damit die nicht meinen, das wäre alles nur, um den Buchstaben von Gesetzen zu erfüllen.

4. Barrierefreiheit - über die Technik hinaus

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